Was bedeutet Vollzeitpflege in der Einwanderungsgesellschaft? Welches Fachwissen haben die Fachkräfte und welche Infrastruktur ist notwendig, damit die Vollzeitpflege in der Einwanderungsgesellschaft eine professionelle Dienstleistung im Rahmen des SBG VIII ist? Die Unterbringung, Begleitung und Unterstützung eines Kindes oder Jugendlichen in der Vollzeitpflege ist ein komplexer und für alle Beteiligten herausfordernder Prozess. Die dafür notwendige Infrastruktur hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr gegenüber den Lebensbedingungen und Potenzialen einer Einwanderungsgesellschaft geöffnet. Bis zum Beginn des Forschungsprojektes war noch keine fachliche Reflexion der Ansätze vorgenommen und waren keine Perspektiven eingenommen worden, die zu einem gemeinsamen fachlichen Profil und Empfehlungen führten.
Es war das Ziel der Studie die Praxis der Vollzeitpflege für Kinder mit Migrationshintergrund zu analysieren, sowie Erkenntnisse für eine Weiterentwicklung in der Pflegekinderhilfe in Niedersachsen zu liefern. Um Empfehlungen für ein verbessertes Vorgehen vorzubereiten, war es notwendig, eine Bestandserhebung der aktuellen Unterbringungszahlen und den Bedarf an entsprechenden Pflegestellen in Niedersachsen zu ermitteln. Daneben sollte die Organisation, z.B. die Auswahl einer Pflegestelle, analysiert werden.
Die Datengewinnung erfolgte in zwei Erhebungen, die im Juni 2014 und Oktober 2014 stattgefunden haben. An der Erhebung haben alle Pflegekinderdienste (n =56) der Jugendämter in Niedersachsen (incl. Bremerhaven, Sozialdienst katholischer Frauen Vechta (SkF) für den Landkreis Vechta) teilgenommen (= Vollerhebung). Die kommunalen Verbände wurden auf unterschiedlichen Ebenen einbezogen (Mitglieder des Niedersächsischen Städtetages, des Niedersächsischen Landkreistages, der Arbeitsgemeinschaft der Jugendämter Niedersachsen und Bremen (AGJÄ), Sprechergruppe der Niedersächsischen Pflegekinderdienste). Die Ergebnisse des Forschungsprojektes sind in die „Weiterentwicklung der Vollzeitpflege - Anregungen und Empfehlungen für die Niedersächsischen Jugendämter“ eingeflossen (2016 Niedersächsisches Landesamt für Soziales, Jugend und Familie – Landesjugendamt, dritte überarbeitete Auflage).
Der erste Teil der Untersuchung (standardisierter Fragebogen, Telefoninterview) richtete sich an die Fachkräfte der Pflegekinderdienste (PKD), weil diese als zentrale Schnittstelle der Organisation und Steuerung bei Unterbringungen in Pflegefamilien fungieren und daher vermutet werden konnte, dass sie über ein diesbezüglich breites Wissen verfügen. Zur Vorbereitung des Telefoninterviews wurden die Fachkräfte der PKD’s gebeten, verschiedene Daten zu recherchieren, u.a. die aktuellen Zahlen zu Pflegekindern und Pflegeeltern, jeweils mit und ohne Migrationshintergrund. Um ein möglichst gemeinsames Verständnis zu erhalten, wurden den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Erläuterungen zu verschiedenen Definitionen vorab ausgehändigt. Für die Definition von Migrationshintergrund wurde die Erklärung gewählt, die die PKD-Fachkräfte in ihrer statistischen Erfassung für das Bundesamt für Statistik benutzen. Zur Erfassung der (unterschiedlichen) Vorgehensweisen in den Kommunen wurden im zweiten Teil einzelne Fachkräfte der PKD’s ausführlich befragt (Leitfaden-gestütztes Interview). Das Ziel dieser Erhebung diente vertieften Einblicken und Einschätzungen, um eben diese zu verstehen und Abläufe nachzuvollziehen. Die Wahl der Interviewpartnerinnen und –partner erfolgte anhand gezielt definierter Kriterien: städtisch-ländlich; Anteil an Pflegekindern mit Migrationshintergrund; Anteil an Pflegepersonen mit Migrationshintergrund.